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Österreich aus dänischer Perspektive

Bemerkungen zu Schwerpunkten in der österreichischen Geschichte des 20. Jahrhunderts
Abstract des Vortrages von Flemming Talbo Stubkjaer vom 6. April 2001

Flemming T. Stubkjaer bevorzugt grundsätzlich nicht Geschichtsdarstellungen, die eine nationale Geschichte auf eine Reihe von Ereignissen reduziert. Dabei kämen Alltag, Kunst und Kultur, kurz die normale Lebenswelt der BürgerInnen, viel zu kurz. Er zweifelt auch, dass es "eine" dänische Perspektive auf Österreich gibt, "eine" Einschätzung Österreichs durch die Dänen. Wäre das die Perspektive dänischer Regierungen oder der dänischen öffentlichen Meinung? Es lässt sich kaum eine irgendwie prägnante dänische Politik gegenüber Österreich feststellen und Schilderungen öffentlicher Meinungen sind von der Methodik her schwierig und lassen sich daher nur schwer systematisieren.
Auch wenn beide Vorannahmen zu hinterfragen sind, akzeptiert Stubkjaer sie als mögliche Ansatzpunkte seiner Betrachtungen. Besonderes Interesse will er dem Kausalzusammenhang zwischen politischer Kultur und historischen Bedingungen widmen.

Das Ende der Habsburger-Monarchie aus dänischer Sicht

Es ist nicht bekannt, dass das offizielle Dänemark je zu den Nationalitätenkonflikten im Habsburgerreich, dem zentralen Problem der letzten Jahrzehnte der Monarchie, Stellung genommen hätte. Auch Dänemark verlor im 19. Jahrhundert in der Folge der Strukturierung Europas nach dem nationalstaatlichen Prinzip große Gebietsanteile: durch die napoleonischen Kriege Norwegen; durch Österreich und Preußen, die 1864 im Namen des Deutschen Bundes gegen Dänemark Krieg führten, die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Letztere - mit einem großen Teil dänischsprachiger Bevölkerung - wurden Teil Preußens. Auch Dänemark war damit also - wie Österreich nach 1918 - gegen seinen Willen ein Nationalstaat geworden, dem sich die Frage der Überlebensfähigkeit stellte. Im Gegensatz zu Österreich gab es in Dänemark jedoch nie Anschlusswünsche.

Der "Feind" Dänemarks war immer Preußen, später Deutschland, und nicht Österreich, das im Deutschen Bund mit Preußen die Dänen besiegte. Die nationale Identität in Dänemark entstand in der Abgrenzung zu Deutschland und allem Deutschen, nicht in der Ablehnung von Österreich. Dennoch mussten die dänischen Regierungen schon vor dem Ersten Weltkrieg einen Modus Vivendi mit dem erstarkten Deutschen Reich suchen und taten dies auch - teilweise, ohne die Öffentlichkeit zu informieren, da sie deren Proteste fürchteten. (Z. B. eine Art Neutralitätserklärung Dänemarks, das Berlin versicherte, sich im Falle eines europäischen Konfliktes nicht mit Deutschlands Gegnern zu verbünden.) Das erinnert an das Juliabkommen zwischen Österreich und dem Dritten Reich im Jahr 1936. Dänemark war zu schwach und politisch zu isoliert, um dem erstarkenden Deutschland gegenüber eine eigenständige Politik verfolgen zu können.

Dänische Reaktionen auf die Not nach dem Ersten Weltkrieg

Dänemark anerkannte nach 1918 die österreichische Republik, die aus dem Zerfall der Monarchie hervorgegangen war. Es war im Ersten Weltkrieg neutral geblieben und interessierte sich nach 1918 in erster Linie für die Rückgewinnung der nordschlesischen Gebiete, was ihm nach einer Volksabstimmung 1920 gelang. Was Österreich und Dänemark nach 1918 verbindet, ist die "Wienerkinder-Aktion", die im Herbst 1919 eingeleitet wurde; eine humanitäre Aktion, in deren Rahmen fast 25.000 Kinder aus Wien sich in Dänemark von der Not der Kriegs- und Nachkriegsjahre erholen konnten. Davon profitiert das Image Dänemarks in Österreich bis heute. Es folgte damit den Beispielen der Schweiz und Hollands, die ähnliche Aktionen starteten. Die Aktion wurde zwischen 1934 und 1937 sowie nach dem Zweiten Weltkrieg bis etwa 1961 weitergeführt. (Zentrale Figur nach dem Ersten Weltkrieg war der Kopenhagener Rechtsanwalt Sigurd Jakobsen; 1934 bis 1937 organisierte Barbara Kauders, ein ehemaliges "Wienerkind", die Transporte.) Die Aktion ging weit über den Aufenthalt der Wiener Kinder in Dänemark hinaus; die dänischen Pflegeeltern wurden z. B. 1927 nach Wien eingeladen und offiziell empfangen; und viele Pflegeeltern unterstützten ihre Schützlinge auch nach deren Rückkehr nach Wien weiter. Das "Josefsstöckl" im Augarten wurde mit privaten dänischen Mitteln zum Zentrum des "Dänischen Klubs für Wienerkinder in Wien", ein Treffpunkt für ehemalige "Wienerkinder" bis 1928.

Erste Republik: Parallelen und Unterschiede

Große Unterschiede zeigen sich für F. T. Stubkjaer in der politischen Kultur der beiden Länder, also in den Mechanismen der gesellschaftlichen und politischen Konfliktregelung. Anders als in der Republik Österreich, deren staatsbildende Kräfte nach 1918 den Anschluss an das Deutsche Reich anstrebten, standen die politischen Kräfte Dänemarks loyal zu ihrem Staat. Auch kannte Dänemark keine paramilitärischen Verbände politischer Parteien, die sich auf der Straße offen bekämpften. In Dänemark anerkannten die bürgerlichen Parteien (z. B. in der 1933 zwischen den Parteien ausgehandelten Vereinbarung "Kanslergadeforlig", die in der Folge der Weltwirtschaftskrise vor allem wirtschaftliche Probleme regelte), dass das Land nicht ohne die größte Partei, die Sozialdemokraten, regiert werden konnte.

Im skandinavischen Norden hatte sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Demokratie immer mehr durchgesetzt; und zwar nicht nur auf parlamentarischer Ebene. In Dänemark wurden z. B. Bildungsinstitutionen gegründet, in denen sich Jugendliche in der Praxis demokratischer Verhaltensweisen üben konnten (Heimvolkshochschulen). Deshalb hatten die faschistischen Ideologien im 20. Jahrhundert in Dänemark weniger Nährboden. Die Intellektuellen in Dänemark wandten sich eher der Sowjetunion zu, wenn sie überhaupt totalitäre oder autoritäre Gesellschaftssysteme als mögliche Vorbilder betrachteten. Bei dieser Überzeugung blieben diese Kreise trotz aller Beweise terroristischer Vorgänge in der Sowjetunion und stalinistischer Gräuel nach 1924.

Das Österreich der Ersten Republik stand für die zunehmende Anfälligkeit für faschistoide Ideologien und die politische Polarisierung, die auf die Ausschaltung der Sozialdemokratie hinauslief; das Dänemark in der Zwischenkriegszeit stand für die Entwicklung erster Ansätze einer Konsensgesellschaft und einer Sozialgesetzgebung, die den Wohlfahrtsstaat vorwegnahm. Generell aber wurde Österreich in Dänemark nicht wirklich wahrgenommen. Auch die austrofaschistischen Jahre wurden in Dänemark nur von wenigen politischen Denkern registriert: Einer der wenigen Analytiker dieser Vorgänge war der Journalist Nicolai Blaedel, der am Tag der deutschen Besetzung Dänemarks auch sofort Schreibverbot bekam. (Nicolai Blaedel: Forbrydelse og dumhed. Hilerkrigens forspil i euroaeisk storpolitik, 2 Bde., Kopenhagen (1945), 2. Auflage 1963.)

Was in Dänemark aber sehr wohl rezipiert wurde, war das "Rote Wien", denn in den dänischen Großstädten waren die Sozialdemokraten zur größten Partei geworden. Umgekehrt wurden in Österreich die dänischen Heimvolksschulen rezipiert.

Nicht nur Österreich, auch Dänemark versuchte in den 1930er Jahren, die Souveränität des Landes gegenüber der Bedrohung durch das nationalsozialistische Deutschland durch eine Beschwichtigungspolitik zu erhalten. Diese Politik gipfelte 1939 in einem Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Dänemark, als hätte das kleine Dänemark je daran gedacht, das große Deutschland anzugreifen. Den Nachweis dieser verfehlten Politik brachte die deutsche Besetzung Dänemarks 1940.

Vergangenheitsbewältigung

Die Vergangenheitsbewältigung Deutschlands nach 1945 wurde in Dänemark aufmerksam registriert; derselbe Prozess in Österreich war bis 1986, dem Jahr der Affäre Waldheim, ein Anliegen für Spezialisten. Seither und bis heute herrscht ein sehr stereotypes Bild der NS-Jahre Österreichs vor: Der begeisterte Empfang Hitlers auf dem Heldenplatz, die überdurchschnittliche Beteiligung von Österreichern an den Verbrechen des NS-Regimes und vor allem die Abwehr der Verantwortung nach 1945 prägen dieses Bild. Die Veränderung der österreichischen Haltung in den letzten Jahren, vor allem aber die differenzierten wissenschaftlichen Aufarbeitungen des Themas, werden noch nicht wahrgenommen.

Auch in Dänemark gab es nach dem Krieg den Mythos, alle Dänen seien Widerstandskämpfer gewesen. Dass die offizielle Regierung dem Deutschen Reich landwirtschaftliche Erzeugnisse lieferte (und damit die Kriegsmaschinerie unterstützte) sowie sich von der dänischen Widerstandsbewegung distanziert hatte, "um Schlimmeres zu verhindern", ist erst in den letzten Jahren zu einer breiteren Öffentlichkeit vorgedrungen. Der alte Mythos ist aber immer noch vorherrschend. Auch die Liquidierung so genannter "Denunzianten" durch dänische Widerstandskämpfer nach Kriegsende, gedeckt von der so genannten "Freiheitsregierung", blieb lange ein Tabu und wird erst langsam zum Thema. Auch in Dänemark gibt es also identitätsstiftende und Mythen bildende Momente, die aus der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit herrühren. Die jüngeren Generationen sind zwar bereit, diese Mythen anzuzweifeln, es gibt aber nur eine geringe Bereitschaft, auch die moralische Verantwortung für diese Ereignisse zu übernehmen. Demgegenüber wird das von den "heutigen" Deutschen und ÖsterreicherInnen sehr wohl gefordert.

Österreich aus dänischer Perspektive: die Gegenwart

DänInnen kennen Österreich heute vor allem aus touristischer Perspektive: schöne Natur, nette Leute in Lederhosen und Dirndln, Jagertee, Bier und das "Kufsteinerlied" sind die festen Elemente dieses Bildes. Schwerpunkte in der Entwicklung der Zweiten Republik sind nur Experten bekannt.

Etwas breiter rezipiert wurde vielleicht noch die Ära des Bundeskanzlers Kreisky. Bruno Kreisky teilte vieles mit Willy Brandt, der in Dänemark als der "gute Deutsche" galt. Beide hatten ihre Exiljahre in Skandinavien verbracht; ihre Politik des Aufbaus des Wohlfahrtsstaates gilt als "von Skandinavien beeinflusst". Erst mit dem Jahr 1986, der Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten und der Wahl Jörg Haiders zum Parteivorsitzenden der FPÖ, rückte Österreich ins Gesichtsfeld der dänischen Öffentlichkeit. In den Medien wurde die fehlende Vergangenheitsbewältigung Österreichs ein immer wieder aufgegriffenes Thema. Manchmal vermittelten sie das Bild, Österreich stehe kurz vor der Machtübernahme durch rechtsradikale Elemente. Demgegenüber kommentierte das offizielle Dänemark die österreichische Entwicklung der 1990er Jahre kaum und auch die diplomatische Zusammenarbeit funktionierte einwandfrei.

Die Sanktionspolitik der EU gegen Österreich in Folge der Bildung einer ÖVP-FPÖ-Koalitionsregierung im Februar 2000 hat die dänische Öffentlichkeit sehr verunsichert. Man fürchtete um die nationale Souveränität; man bemerkte erstmals deutlich, dass sich in Europa etwas verändert hat, dass europäische Politik beginnt, massiv in die nationale Politik einzugreifen. Und zwar nicht nur in den Bereichen Wirtschaft und Handel, sondern eben auch, wenn es um Demokratie und Menschenrechte geht. In Dänemark existiert z. B. auch eine EU-skeptische nationale Partei, die seit Jahren die liberale Asylpolitik des Staates kritisiert und in dieser Frage nicht nur die Meinung ihrer eigenen WählerInnen, sondern einer breiteren Bevölkerungsgruppe vertritt. Wird die EU bei einem Regierungseintritt dieser 1995 gegründeten "Dansk Folkeparti" ähnlich agieren wie im Falle des Regierungseintritts der FPÖ in Österreich? Das waren die Fragen, die die dänische Öffentlichkeit bewegten. Die Absage der DänInnen in einer Volksabstimmung an den Euro lässt sich zu einem guten Teil als eine Reaktion auf die Sanktionen erklären.

Die dänische Öffentlichkeit reagierte vor allem auch kritisch auf das Zustandekommen der Sanktionen; Demokratie in Europa könne nicht sein, dass eine Reihe europäischer Ministerpräsidenten - darunter der dänische Poul Nyrup Rasmussen - am späten Sonntagabend miteinander telefonieren und Maßnahmen beschließen. Das wurde von der dänischen Bevölkerung als reine Nacht- und Nebel-Aktion betrachtet.

Univ. Prof. Flemming Talbo Stubkjaer ist Leiter der Österreich-Abteilung am Institut für Germanistik, Süddänische Universität Odense. Er forscht u. a. zu Fragen des österreichischen Deutsch und der österreichischen Geschichte.

Österreich: 15 europäische (Be)Wertungen zur Gegenwartsgeschichte im 20. Jahrhundert. Ringvorlesung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien (SS 2001)
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