Das Private ist politisch
Zur Bedeutung von Gender in der Politischen TheorieLeseprobe aus dem Vortrag von Gisela Riescher am 25. Oktober 2001
Mit dem Titelzitat "Das Private ist politisch!" forderten Studentinnen Ende der sechziger Jahre, private Unterdrückung der Frau nicht ausschließlich als Privatsache zu begreifen, sondern als durch politisch-ökonomische Strukturen bedingt. Es gelte, die bürgerliche Trennung von Privatleben und gesellschaftlichem Leben aufzuheben, das Privatleben qualitativ zu verändern und die Veränderung als politische Aktion, als kulturrevolutionären Akt, und als Teil des Klassenkampfes zu verstehen.
Anne Phillips schreibt dazu: "Das Politische, auf das die Frauen hiermit Anspruch erhoben, war nicht die Welt der Wahlen, Regierungen oder Staatstheorien. Politik stand für alle Ausbeutungs- und Unterdrückungsstrukturen (damals hieß das 'Verhältnisse'), die bekämpft werden mussten. In dem sie das Persönliche als politisch beschrieben, bezogen sie Stellung gegen jene Kampfgenossen, die sich über ihre trivialen Belange lustig machten... [...] Andere Feministinnen [...] gebrauchten den Satz 'das Persönliche ist politisch' in einem nüchternen Sinne, da ihnen daran gelegen war, das Verhältnis zwischen beiden Sphären zum Ausdruck zu bringen, statt deren Identität zu behaupten...". (Anne Philipps, Demokratie und Geschlecht, 1985).
Inzwischen ist die Kritik an der Trennlinie zwischen privatem und öffentlichem Bereich von der feministischen Bewegung ins Zentrum der feministischen Theorie gerückt. Jean Elshtain mit ihrem fast schon als Klassiker zu bezeichnenden Werk: "Public Man, Private Woman" von 1981 und Joan Landes' "Feminism – the Public and the Private" – ein Sammelband von 1998 – stellen prominente Eckpunkte der Debatte dar. Und Carole Pateman formulierte 1989, die Dichotomie "between the private and the public is central to almost two centuries of feminist writing and political struggle; it is ultimately what the feminist movement is about" (Carol Pateman, The Disordner of women, 1989). Wenn Pateman von zwei Jahrhunderten spricht, bezieht sie natürlich die Wahlrechtsbewegung und die Forderungen nach politischer, bürgerlicher Gleichheit mit ein.
Die Forderung für die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts dagegen heißt: Enttabuisierung und Abbau der hierarchisch gestalteten privaten Strukturen, denn ihre Privatheit ist gesellschaftlich-ökonomisch und politisch bedingt und dient der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Den Frauen wird damit die gesellschaftlich irrelevante, weil nicht bezahlte Reproduktionsarbeit – die Betreuung von Familie und Kindern – zugewiesen, während sie nach wie vor – faktisch – aus dem öffentlichen, gesellschaftlichen und politischen Leben weitgehend ausgeschlossen sind. Obgleich sich im Zeichen des Sozial- und Wohlfahrtsstaates des zwanzigsten Jahrhunderts der staatliche Regelungsbereich verändert hat und Vor- und Fürsorgeregelungen, arbeitsrechtliche Regelungen und Ehe- und Scheidungsrecht bis weit in die Privatsphäre von Ehe und Familie hinein eingreifen, bleiben – so die Kritikerinnen – die hierarchischen Strukturen unverletzt. Man kann diese Phase der grundsätzlichen Kritik als erste Phase im feministischen Diskurs um das Öffentliche und das Private bezeichnen. Es ist die Forderung nach mehr bzw. einer anderen Öffentlichkeit für die Privatsphäre; es ist die Forderung nach Demokratisierung der Privatsphäre.
Die zweite Phase der Debatte fordert dagegen eine qualitativ andere Form des Privaten. Es geht um die Durchsetzung gleicher privater Freiheitsräume für Männer und Frauen. Jean Cohen verwendet dafür den Begriff der "Neubeschreibung" des Privaten (Jean Cohen: Das Öffentliche und das Private neu denken, 1992). Frauen sind - so Cohen - um autonom und selbstbestimmt leben zu können, in vergleichbarer Weise wie Männer auf den staatlichen Schutz der Privatsphäre angewiesen. Privatheit ist bei Cohen – ganz im Gegensatz zum Konzept des Oikos – nicht ausschließlich familiär und ökonomisch strukturiert gedacht. Cohen definiert vier zentrale Aspekte von Privatheit: die Möglichkeit zu autonomen Entscheidungen, die körperliche Privatheit, die den eigenen Körper als Privatsphäre schützt, die Privatheit der Wohnung und der Schutz privater Beziehungen. Anne Phillips fasst die Diskussionsergebnisse der zweiten Phase schlicht, aber prägnant zusammen: "Aus vielerlei Gründen meine ich also, dass wir tatsächlich eine Unterscheidung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten brauchen, und anstatt sie aufzugeben, sollten wir ihr lieber den geschlechtsspezifischen Charakter nehmen" (Philipps 1985). Diese feministische Theorie von Privatheit fordert in dieser geschützten Sphäre gleiche oder vergleichbare Privatheiten für beide Geschlechter.
Die dritte und vorläufig letzte Position im feministischen Diskurs um das Öffentliche und das Private stellt das Öffentliche im Sinne des Politischen in den Mittelpunkt. Interessant für unsere Reflexionen um das Öffentliche und das Private scheinen mir Theorieansätze zu sein, die das Öffentliche bzw. das Politische neu zu beschreiben versuchen. Seyla Benhabib zeigt in einem Artikel über Hannah Arendt, wie das Öffentliche und die private Sphäre sich verändert haben:
"In den westlichen Demokratien ist die öffentliche Sphäre unter dem Einfluss der Unternehmenskonzentration der Massenmedien und des Wachstums von professionell organisierten politischen Gruppierungen stark geschrumpft. Der autonome Bürger, dessen vernünftiges Urteil und dessen Beteiligung zu den Grundvoraussetzungen der Öffentlichkeit gehört, ist zum Konsumenten von abgepackten Informationen und Botschaften geworden oder zum E-Mail-Adressaten von großen Lobbys und Assoziationen" (Seyla Benhabib: "Für Feministinnen. Mit Arendt gegen Arendt denken", in: DU. Die Zeitschrift für Kultur Oktober 2000). Diese Verarmung des öffentlichen Lebens geht einher – so Seyla Benhabib weiter – mit einer Wandlung des Privaten.
"Wohlfahrtsstaaten sind dadurch charakterisiert, dass die 'Reproduktion' in ihnen öffentlich geworden ist: Anliegen wie das Erziehen von Kindern, die Krankenpflege, die Sorge für Junge und Ältere, die Freiheit Kinder zu haben, Gewalt in der Familie sind öffentlich geworden. Die Sphäre des Öffentlichen hat sich damit erweitert, ohne aber zugleich, was von der feministischen Bewegung mit der Forderung 'das Private ist politisch' intendiert war, demokratischer zu werden. Sie wurde bürokratischer und entzieht sich damit in weiten Bereichen den Formen demokratischer Beteiligung."
Sie fordert deshalb eine "Rückgewinnung des Politischen" aus der Bürokratie. Barbara Holland-Cunz plädiert nach einer ähnlichen Diagnose dafür, "Demokratie als Lebensform" zu sehen, einer Lebensform, in der das Private und das Öffentliche sich durchdringen können. Im Privaten müssen demokratische Grundregeln gelten und der politische Raum als ein immens partizipatorischer konzipiert werden; er wird durch Übergänge aus dem Privaten belebt (Barbara Holland-Cunz: Feministische Demokratietheorie, 1998).
Der gesamte Vortrag ist in einer überarbeiteten Fasssung publiziert, in: Bauer, Ingrid / Neissl, Julia (Hg.): Gender Studies – Denkachsen und Perspektiven der Geschlechterforschung, Studien-Verlag, Innsbruck/Wien/München 2002
Gisela Riescher, Univ.-Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft/Universität Freiburg
Gender Studies: Denkachsen und Perspektiven der Geschlechterforschung. 7. Frauen-Ringvorlesung/Institut für Geschichte der Universität Salzburg (WS 2001/2002)[/size]

