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Das Geschlecht mittelalterlicher Mönche.

Zu Ansätzen der mediävistischen Genderforschung Leseprobe aus dem
Vortrag von Eva Cescutti am 10. Jänner 2002

I.
Mittelalterliche Mönche sitzen – so wissen wir seit dem "Namen der Rose" – in ihren Kirchen und Bibliotheken und beten und lesen und legen die Schriften, ganz besonders: die Heiligen Schriften aus. Einen solche Heilige Schrift ist das Hohelied der Liebe, das Lied der Lieder, canticum canticorum, im Alten Testament.

Wenn wir einen ersten Blick in den Text werfen, wird hoffentlich sofort klar, dass es die Mönche und Nonnen in den Klöstern des 12. Jahrhunderts vor eine besondere Herausforderung gestellt haben muss; es handelt nämlich – zumindest für heutige LeserInnen und ExegetInnen – von (hetero-)sexueller Liebe und Begehren sowie von der Schönheit der Liebenden und ihren Körpern, von einer materia also, die zum Lebensmodell "Kloster" dezidiert NICHT gehört(e). Und doch – in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts häufen sich die Versuche der Mönche, das Lied der Lieder auszulegen, es zu interpretieren, sprich: einer Exegese zu unterziehen.

Einen solcher Mönch war Honorius, in den Lexika steht: Honorius Augustodunensis. Von Honorius wissen wir heute nur, dass er in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts gelebt hat, Benediktiner war, später in seinem Leben als Klausner/Inkluse gelebt hat. Außerhalb seiner eigenen Schriften gibt es keine Informationen über ihn. Seine Hohelied-Exegese zählt zu seinen späten Werken. Stichwort Frühscholastik.

Sein Buch über das Hohelied beginnt folgendermaßen: Honorius stellt seiner Exegese des Hohenlieds einen Brief an seinen Auftraggeber voran, in dem er klarstellt, was dieser zu erwarten hat: "Daher habe ich gemacht, was du befohlen hast, und habe das Buch Salomos, Lied der Lieder genannt, das im Mund vieler gefeiert, aber dem Verständnis/Intellekt nur weniger erschlossen ist, in klarer Sprache – mit einfachem Griffel – aufgeriegelt."

Das Hohelied der Liebe – viele reden davon, wenige verstehen es, denn Verständnis/Intellekt ist nur eine Sache der wenigen; etwas im Mund zu führen, heißt noch nicht, es mit dem Intellekt zu verstehen, – und der Begriff intellectus/intelligere wird mich jetzt durch meine gesamten Ausführungen begleiten; jedenfalls aber erscheint exegetische Textarbeit hier als eine Sache weniger Leute, die einen hohen Professionalisierungsgrad aufweisen. Bevor es jedoch an das reserare("Aufschließen", "Entriegeln") im Detail geht, wird das Objekt, das Lied der Lieder, die Cantica Canticorum, nach den Parametern "Autor", "Stoff" und "Intention" definiert: Der Autor des Liedes sei der Heilige Geist, dieser spreche durch ein Gefäß der sapientia, der "Weisheit", nämlich Salomon, und Salomon habe seine insgesamt drei Bücher auf die drei Teile der philosophia aufgeteilt, auf Ethik, Physik und Logik: dabei entfällt das "Buch der Sprüche" auf die Ethik, der "Ekklesiastes" – wo es um die Naturen der Dinge geht – auf die Physik, und: "Das Lied der Lieder schrieb er der Logik zu, denn in ihm wollte er die rationale Seele durch die Liebe mit Gott verbinden."

Das Hohelied der Liebe, Logik, Gott, "rationale Seele" – wie gehört alles das zusammen? Und da sollen wir auch noch die Kategorie Geschlecht unterbringen?

"Lesen" und "Interpretieren" sind Handwerke und Techniken. Diskurstheoretisch lässt sich Hermeneutik – und besonders die christlich-klerikale Hermeneutik – beschreiben als eine jener "internen Prozeduren, mit denen Diskurse ihre eigene Kontrolle intern selbst ausüben; Prozeduren, die als Klassifikations-, Anordnungs- und Verteilungsprinzipien wirken." Ein Mönch wie Honorius hatte vor knapp 900 Jahren schon einiges Operationsbesteck bereitliegen, und wir werfen gleich einen Blick in die Werkstatt des Meisters. (Die christliche Hermeneutik mit ihrer Lehre vom vier- oder siebenfachen Schriftsinn eröffnet bei der exegetischen Bewältigung des Canticum eine Vielzahl von Sinnbildungsmöglichkeiten im Rahmen des – wie hier bei Honorius genannten – wörtlich-historischen, allegorischen, tropologisch-moralischen und anagogischen Schriftsinnes.)

II.
Ein einziges Sinnbildungs-Beispiel möchte ich hier kurz im Detail explizieren, um Honorius' Verfahren zu verdeutlichen; der Vers 1, 2 des Hohelieds lautet lateinisch: quia meliora sunt ubera tua vino, "deine Brüste sind besser als Wein."

- Wörtlich-historisch heißt das nach Honorius etwas dürr: Der König Salomon – hier als Liebhaber und Bräutigam unterwegs – kommt zu seiner Braut und ergötzt sich lieber an ihren Brüsten, statt sich am Wein zu berauschen.

- Dann gibt es aber noch einen nächsten Sinnbildungsschritt, den Schritt in die Allegorie. In dieser Sinnschicht steht – nach einem mittelalterlichen Merkspruch – nicht das, was wörtlich passiert ist, sondern das was man glauben soll.

Glauben soll man bei dieser Brüste-Stelle also nach Honorius, dass Christus in carne – "im Fleisch" – zu seiner Braut, der Kirche kommt, und sagt: "In Glaube und Liebe verbinde ich mich mit dir, und du wirst mir Söhne gebären, Miterben des Reichs des Vaters, und du wirst ihnen mit deinen Brüsten Milch geben, denn deine Brüste sind besser als Wein." Erklärt wird das folgendermaßen: "Dieses Buch ist geistig/geistlich/vom Geist erfüllt (im Sinn von: hat nichts mit Materie zu tun), und es spricht geistig vom Geist, der in den Körper eingesetzt ist, und zwar durch körperliche Ähnlichkeiten."

Allegorisch gesehen hat die Braut Kirche dementsprechend einen Körper, der folgendermaßen ausschaut:
Haupt – Gott (Christus);
Glieder – die verschiedenen Stände, nämlich:
Augen – Doktoren/Lehrer und Apostel;
Ohren – Gehorsame/Mönche;
Nase – die Klugen, wie die magistri;
Mund – die Priester, die Gutes verkünden;
Hände – die Soldaten, die die anderen verteidigen;
Füße – die Bauern, die die anderen auf die Weide bringen.
Und sie hat auch Brüste – das Alte und das Neue Testament,
aus denen man lac doctrinae, die Milch der Lehre, trinken kann, so wie Kinder, die aus den Brüsten der Mütter Milch saugen. Und diese Milch der Lehre ist besser als Wein, denn Wein ist die saecularis sapientia, das "weltliche Wissen", das nur aufbläht, und nicht wie die spiritualis scientia erbaut; dieses geistliche Wissen erscheint hier bei Honorius in drei Synonymen:
- die Milch der Lehre
- das geistig-geistliche Wissen
- charitas, "Liebe".

Auf der allegorischen Stufe ist der Körper der Braut demnach ein mütterlicher; die Reihenfolge, die Christus seiner Braut vorschlägt: Hochzeit, Söhne und Erben, Milch geben, und das Haupt der Braut ist der Bräutigam. Wörtlich-historisch ist von alledem keine Rede, Honorius behauptet das auch nicht; allegorisch kann Honorius hier den Kern der gesamten christlich-kirchlichen Sozial- und Ehelehre in ein einziges Bild packen – in einen begehrenswerten und begehrten weiblichen Körper, der nur aus Männern und Büchern besteht.

Das war erst der zweite Auslegungsschritt zu den ubera, hier der dritte, - der moralisch-tropologische, wo etwas weiter ausgeholt wird; dort steht das, was man tun soll. Honorius legt die Stelle dann aus wie folgt: Der Mensch sei eigentlich zwei, nämlich äußerer und innerer Mensch – außen Körper, Leben, äußerlicher Sinn; innen: innerlicher Sinn, ratio und intellectus.

Der innerliche Sinn ist eine Kraft der Seele, eine vis animae, die Vergangenes, Gegenwärtiges und Künftiges imaginiert; mittels der ratio werden Gattungen und Arten differenziert; mit dem intellectus wird erkannt, was körperlos ist, nämlich dilectio und sapientia, "Liebe" und "Wissen/Weisheit". Diese drei Kräfte der Seele unterscheiden den Menschen von Pflanze und Tier.

Der innere Mensch verfügt – im Sinne seiner Gottähnlichkeit – über innere (Körper-)Teile, Brüste, die sapientia und scientia, also Weisheit und Wissen, heißen, mit denen er die indoctos – die Ungebildeten – nähren soll, so wie eine Mutter mit ihren Brüsten ihren Kindern Milch gibt. Und diese beiden inneren Brüste des inneren Menschen sind besser als Wein, denn der Wein gehört zur cura exterior, zur Sorge um das Äußere – diese richtet sich nach Honorius auf den Dienst an den Brüdern und auf den (vergänglichen) Schmuck der Gotteshäuser.

"Der Mensch" – innerlich wie äußerlich – ist bei Honorius hier offensichtlich nur der "Kirchenmensch", der Kleriker, der Mönch, dessen äußerer physischer Körper mit seinen Teilen nach innen gewendet wird; freilich ist es nicht SEIN physischer Körper, denn die inneren Brüste eines männlichen Mönches funktionieren wie die physischen Brüste einer stillenden Frau. Daraus ergibt sich die – für den tropologisch-moralischen Sinnbildungsschritt konsitutive – Handlungsanweisung, das was man tun soll:

Das Postulat an die "äußere" Frau und Mutter – Kinder, Milch, nähren, lieben – wird gewendet in ein Postulat an den "inneren" Mönch, der folgerichtig nicht als "Vater" bezeichnet werden kann, da er mit seinen Brüsten die nährende Mutterrolle übernimmt. Das als Körpervorgang beschriebene "Nähren" ist das docere, das Verabreichen geistiger Nahrung.

Als Zwischenbilanz lässt sich spätestens an dieser Stelle also festhalten: Geschlechtergrenzen werden in der Exegese von Körperteilen problemlos überschritten. Der weibliche physische Körper und die an ihn geknüpften Geschlechter-Erwartungen bilden die Bedeutungsfolie für das Denken und Verhalten von Ordensmännern. Als weiblich beschriebene Körpervorgänge werden umgedeutet zu Handlungs- und Denkvorgängen von Männern. (Deren Körper bleibt unerwähnt.)

- Im vierten, letzten und höchsten Sinnbildungsschritt – dem anagogischen, wohin man streben soll – kehrt die Exegese zurück zum Bild der Braut Kirche. Vor dem Hintergrund der cura interior, die den Vorzug vor der cura exterior bekommt, wie aus dem Vorangegangen hoffentlich ersichtlich geworden ist, gehören die Brüste wieder zur Braut Kirche: "Die beiden Brüste der Kirche sind die beiden Gebote der Liebe, die sie ihre Söhne im aktiven und im kontemplativen Leben lehrt, dass sie niemandem Böses mit Bösem vergelten, sondern mit Gutem. Der Wein aber ist die Strenge des Gesetzes, die vorschreibt, Auge um Auge, Zahn um Zahn zu vergelten, und dass der getötet werde, der getötet hat. Aber die Brüste der Kirche sind besser als Wein, denn die Milde der Liebe gefällt Gott besser als die Strenge des Gesetzes."

Die beiden Brüste der Braut stehen für die Kernaussage der christlichen Lehre – unabhängig von ihrer Ausprägung im aktiven oder kontemplativen Lebensmodell, also unabhängig davon, ob sich das Leben außerhalb oder innerhalb eines Klosters abspielt. Der Wein, dem eine Absage erteilt wird, ist das alttestamentarische Gesetz, das Gott weniger gefällt als das neue, das christliche und kirchliche. Behauptet wird – wie übrigens immer wieder im Verlauf der Exegese – der Vorrang des Christentums vor dem Judentum; die spezifische Differenz zwischen den beiden ist charitas in ihrer kontingenten diesseitigen und transzendenten jenseitigen Doppelform, gesehen im Bild nährender Frauenbrüste.

An dieser Stelle ein kurzer Blick auf den Begriff der "Liebe" in diesem Kontext. Der Begriff "Liebe" – in seinen lateinischen Formen dilectio und charitas– erweist sich bei Honorius insgesamt weniger als Emotion, sondern viel mehr als CODE zur Konstitution einer klerikalen männlichen Ordens-Identität.

Die Elitequalitäten, die diesen ORDO, den Klerikerstand in seinen verschiedenen Hierarchieschichten, vor allen anderen auszeichnen, sind die Denk- und Erkenntnisinstrumente ratio und intellectus. Der Liebes-CODE ist transzendent und kontingent ausgeprägt und organisiert Denken und Handeln des Kirchenmenschen. Aber: das – sozusagen – säkulare Geschlechterwissen um den Körper mit seinen Teilen und Funktionen wird als Bild übernommen und nach dem Muster der Ehe auf ein Anforderungsprofil an den Kleriker umgedeutet. Geschlechterrollen werden als Ordens-Rollen resignifiziert. Geschlechter-Grenzen werden für Ordens-Ideale überschritten. Dabei übernimmt die Kirche als Ganze, vor allem aber der männliche Kleriker als einzelner die Funktion der erstens vom (göttlichen) Bräutigam begehrten und diesen begehrenden und zweitens mütterlich nährenden Frau.

Der gesamte Vortrag ist in einer überarbeiteten Fasssung publiziert, in: Bauer, Ingrid / Neissl, Julia (Hg.): Gender Studies – Denkachsen und Perspektiven der Geschlechterforschung, Studien-Verlag, Innsbruck/Wien/München 2002

Eva Cescutti, Mag. Dr. phil., Forschungsprojekt am Institut für Romanistik/Universität Wien

Gender Studies: Denkachsen und Perspektiven der Geschlechterforschung. 7. Frauen-Ringvorlesung/Institut

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