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Panel 3: "Die Realität des Krieges – Abbild oder Konstrukt?" Alltag – Distanz - Wirkung

Danny Rubinstein

The presentation will be made from the point of view of a journalist who has covered the violent Palestinian-Israeli for the past 35 years. A Palestinian journalist will be identified by his audience as serving his people` s cause and similarly the Israeli . Both are are under severe and constant pressure from their people and establishments. Even if they are not under official censorship by their respective governments they are in fact "censored' by the the various pressures and even "censor" themselves. Although every general rule has its exceptions, and in Israel there are many, most media presentations are commissioned. Most Israeli journalists, in common with most Israelis, perform reserve duty once or more times a year. Is it possible to be a disciplined soldier and obey orders in a violent setting, and moments later attempt to be an objective reporter? The attempt may be sincere but the politicians are constantly trying to manipulate you. I have daily contact with Palestinian journalists and can attest the fact that they suffer similar pressures and have to exhibit national loyalty, otherwise he will lose his job.

The 11th September created a revolution in media coverage of terrorism. For many years the media appeared to be a kind of hidden partner of terrorism. Can a terrorist succeed without the publicity of the media? This is true as long as the terrorist has a clear aim and an exact address. For example, terrorists have taken hostages and put forward specific demands or attacked specific with a pre-determined national or social purpose. This scenario has always obtained in the Palestine-Israel conflict and both sides have accused the other of terrorism. The events of 11th September have blurred the picture. To this day no one is quite sure what the aim of the attacks in New York and Washington set out to achieve. Did they want to destroy America? Did they want to eliminate western culture and replace it with Islam? Both these fantasies are incredible. In addition, who in fact are they and what is their address? Is it a cave in Afghanistan, an office in Iraq, or a small mosque here in Vienna or perhaps in Miami Florida? American and western diplomacy is confusing the media and public opinion with conflicting statements in its frantic attempts to identify the terrorists and find their address.



Claus Leggewie

Abdruck (auch auszugsweise) nur nach Rücksprache mit dem Autor - es gilt das gesprochene Wort!

Ground Zero, ein globaler Erinnerungsort

In meinem noch sehr skizzenhaften Beitrag möchte ich gerne aus aktuellem Anlass die Frage stellen, wie man sich an die erste "Schlacht" (und Niederlage) im "ersten Krieg des 21. Jahrhundert" erinnern wird – an die Attacke auf das World Trade Center in New York am 11.9.2001.
Ich unterscheide dabei

a) zwischen privatem oder individuellem Eingedenken der Hinterbliebenen und Traumatisierten von der Inszenierung kollektiver Erinnerung durch die Medien
b) zwischen "realem" und "virtuellem" Erinnerungsort
c) zwischen der amerikanischen und der globalen Kommemoration
d) und generell zwischen ikonisch-affirmativer Erinnerung (repetitives Zuschauen) und akustisch-autonomer Aneignung (konstruktiv-kritisches Anhören).

A/ Nine eleven als transnationales Fernsehereignis

Der 11. September 2001 war der Tag, an dem sich die geliebte Person binnen kurzem in Asche verwandelte, die Hinterbliebenen konnten nicht einmal einen erkalteten Leichnam berühren. Was sie, genau wie der Rest der Welt, behalten haben, ist eine unendliche Schleife von TV-Bildern, die nun – anniversaire oblige - wieder und wieder gezeigt werden. Sie sollen den Tag bezeugen, nach dem die Welt angeblich nicht mehr so ist, wie sie einmal war, sie legen dar, wie die erste "Schlacht" und zugleich Niederlage im "ersten Krieg des 21. Jahrhunderts" (George W. Bush) kommemoriert werden soll. Man denkt sogleich an die Kriegerdenkmäler und Heldengedenkstätten auf den europäischen Schlachtfeldern, aber memotechnisch sind wir davon Lichtjahre entfernt. Das Fernsehen, das den fürchterlichen Hieb in das World Trade Center und den Einsturz der Zwillingstürme weltzweit und in Echtzeit übertragen hat, erweist sich als das bekannte Wiederholungsmedium: Das ungeplante, durch Al-Qaeda kühl kalkulierten Zufall eingespielte transnationale Medien-Event wird ein Jahr später auf allen Kanälen als "Doku-Drama" ausgeschlachtet bis zum geht nicht mehr.[...]

B/ Amerikanisches und globales Gedenken

Die Filmindustrie hat zum Gedenken vor allem Vorproduziertes beigetragen, das nach einer Schamfrist freigegeben wurde (Collateral Damage, Bad Company), oder sie gibt eher Lachhaftes zum Besten (The Sum of all fears). Während ausgerechnet diese amerikanische Institution unter der Wucht der Bilder verstummt zu sein scheint, stellt der in Venedig uraufgeführte, von elf internationalen Regisseuren zusammengestellte Episodenfilm (11'09"01) den Terroranschlag in den Rahmen einer durch allgegenwärtige Gewalt aus den Fugen geratenen Welt. Damit setzt man, wie Skeptiker einwenden, Unvergleichliches gleich, doch zugleich bezeugt der Film, dass der 11. September ein Gegenstand globaler Erinnerung geworden ist, die Amerika nicht allein ausrichtet und seiner politischen Führung gewiss nicht gefallen wird, weil die USA hier nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter gezeigt werden.

Wie erinnert sich aber Amerika an und für sich an das Trauma, dass zum ersten Mal seit dem Angriff der Briten auf das Weiße Haus (1813) und Pearl Harbour wieder heimatlicher Boden angegriffen wurde? "Den" Roman zum elften September hat noch kein Schriftsteller vorgelegt; die gleichwohl überquellenden Büchertische beherrschen Dokumentationen, Ratgeber und eine Reihe patriotischer Erbauungsliteratur. Am besten gelungen sind die "intimen" Formen der Kommemoration wie die in der New York Times erschienenen Nachrufe auf einzelne Opfer des Terroranschlags, und zu erwähnen sind die improvisierten Fotoausstellungen in New Yorker Galerien, welche die ungleich durchdachtere Qualität des unbewegten Bildes bezeugen und der guten alten Fotographie späte Genugtuung beschert haben.

C/Visuelle und akustische Medien

[...] In Europa, wo man unablässig von "Trauerarbeit" redet, sich aber offenbar nur schwer in die Lage der Hinterbliebenen ein paar Tausend Meilen entfernt versetzen kann, kanzelt man solch amerikanisches Ritual gern ab: Oh Gott, schon wieder eine kitschige Fire Fighter-Story. Die New Yorker Feuerwehr wird natürlich auch von Springsteen gewürdigt; er lebt in dem County von New Jersey, das die meisten Opfer des Anschlags zu beklagen hat, wie überhaupt das Gros der Opfer nicht Angehörige der Oberschicht aus Manhattan waren, sondern kleine Angestellte und einfache Leute. Bruce Springsteen besingt sie, wie ein Richard Ford von ihnen erzählt und man sich ihrer jeden September aus Anlaß des Labor Day wieder erinnert. Aber nicht der amerikanischen Arbeiterklasse will Springsteen ein Denkmal setzen, auch rechnet er nicht mit Corporate America ab, das gerade so viele belogen und betrogen hat. Er will "Menschen von nebenan" eine Stimme geben, die einen unerklärlichen Verlust erlitten haben.

[...] Gefühle "unverstellt" und "natürlich" zur Sprache zu bringen, gelingt auch Springsteen selten. Gleichwohl hat sich seine musikalische Miniatur anderen Versuchen überlegen erwiesen, der Katastrophe auf massenmediale und massendemokratische Weise beizukommen. In solchen Momentaufnahmen wird Leid individualisiert und erlaubt gerade damit kollektive Trauer. Ähnlich wie Springsteen und die Nachrufschreiber der Times ist Sean Penn als einziger amerikanischer Beiträger zu 11'09"01 verfahren. Er zeigt einen einsamen alten Mann, der im Schatten der Zwillingstürme neben dem Sommerkleid seiner verstorbenen Frau lebt und imaginäre Dialoge mit ihr führt.

D/Virtuelle und wirkliche Erinnerungsorte

The Rising ist somit ein virtueller Erinnerungsort, wie die Historiker heute auch nicht lokalisierbare Räume des Gedenkens und Stätten kollektiver Erinnerung nennen. Man denkt hier vor allem an die Bastille oder Buchenwald und generell an Veranstaltungen der Hochkultur, aber in der populären Kultur Amerikas können Rocksongs leicht eine solche Bedeutung gewinnen. Der Versuch, Born in the USA geschichtspolitisch seinerzeit für die Überwindung des Vietnam-Debakels zu instrumentalisieren, ist gescheitert, aber mit The Rising kommt das Trauma des 11. September immerhin zur Sprache. Es ist kein Zufall, dass das leise akustische Medium optischer Marktschreierei überlegen und das Anhören weniger affirmativ wirkt als das bloße Zuschauen.

Welches Symbol würde wirklich passen? Als Totenmal und Heldengedenkstätte bliebe die schlichte Bronzeskulptur des unbekannten Feuerwehrmannes, aber selbst eine solche Heldenstatue irritiert heute, da Erinnerungsorte nicht mehr an triumphale Großtaten einer Nation, sondern an globale Traumata einer "unbewältigten Vergangenheit" gemahnen. Und auch die materiale Gedenkstätte, die am Ground Zero irgendwann, vermutlich nach langen Auseinandersetzungen, entstehen wird, dürfte stets überblendet bleiben durch die nervtötende Bildstrecke, die schon am Tag danach eine Ikone war, wie der Atompilz über dem Bikini Atoll und die Szenen aus befreiten Konzentrations- und Vernichtungslagern es erst nach Jahrzehnten wurden.



Joseph Vogl

Der Anschlag vom 11. September 2002 hat nicht aufgehört zu passieren. Immer noch wohnt man der Verfertigung eines Ereignisses bei, das bis auf weiteres unabgeschlossen bleiben wird. Dabei hat man es seit einem Jahr mit einer doppelten, gespaltenen Evidenz zu tun. Fehlenden Bekennerschreiben, verschwundenen Drahtziehern und lückenhaften Beweisketten steht ein bildlicher, symbolischer Überschuss gegenüber, der sich von Anbeginn in der Zweifellosigkeit eines 'Es ist Krieg' verdichtet hat. In dieser Spannung von dunklen Gründen und sichtbarer Evidenz scheint dieser 'Krieg' die unfasslichen und ungeklärten Aspekte des Terrors zu kompensieren: eine Logik, die eine nachträgliche Rechtfertigung dessen betreibt, was mit einer Katastrophe und einem Massenmord vor einem Jahr begann. Das Ereignis ist gleichsam notwendig geworden.

Die bestimmt-unbestimmte Doppelgestalt des Geschehens lässt sich in einer Reihe von Aspekten entziffern, die ebenso politischen wie mythologischen Charakter besitzen. Denn einerseits sind eine Reihe von Gestalten aufgetaucht, die eine längere Geschichte von Gewalt und Bedrohung transportieren: sei es der 'Barbar', der von den Außenbezirken eine Spur der Verwüstung in die Zivilisation trägt; sei es der 'Schläfer', der als jedermanns Nachbar von der Fern-Nähe einer ebenso unspezifischen wie allgegenwärtigen Gefahr zeugt; sei es ein 'Fanatiker', der die organisierte Gesellschaft gegen die Verschworenheit verborgener Gemeinschaften vertauscht. Andererseits wurden all diese Figuren mit einer politischen Programmatik umstellt, die ganz konsequent an einer Neubestimmung von Feindschaft arbeitet. Ist es, nach einer Bemerkung Carl Schmitts, die Sache politischer Vernunft, "den Feind zu bestimmen (was immer zugleich Selbstbestimmung ist)", so liegt die besondere Ratio einer gegenwärtigen Politik gerade darin, dass sie mit aller Dezision einen unbestimmten Feind bestimmt.

Das hat mehrere Konsequenzen. Während die Erklärung äußerer Feindschaft in der Kriegserklärung und diese in der Feststellung des Ausnahmezustands kulminiert, kann die Bestimmung eines inneren wie äußeren Feinds, der sich überdies nicht wirklich erklärt, nur in einer Einheit von Fahndung und Kriegsführung bestehen, mithin in einem Ausnahmezustand, der sich als dauerhafter Normalfall installiert. Wo jeder beliebige Staat zur Umwelt eines Terrorsystems werden kann, ist die Demarkation zwischen Freund und Feind okkasionell geworden; das macht den Charakter eines low intensity war und einer ambiguous warfare aus, eines Kriegs, den man unbestimmten Feinden im militärisch-zivilen, freund-feindschaftlichen Zwischenreich bereitet. Zivile Verwaltungen stellen sich auf militärische Aufgaben und Militärs sich umgekehrt auf zivile Einsatzprogramme ein. Unter diesen Bedingungen kennt der erklärte/nicht-erklärte Krieg keine Haltebedingung mehr.

Wahrscheinlich geht es also in diesem 'Terrorkrieg', der definitionsgemäß ein Medienkrieg ist, um eine Neuordnung der Politik auf der Basis des Altbekannten. Eine unübersichtliche Kriegsführung im wüsten Afghanistan, verdeckte Ermittlung im zivilisierten Freundesland und eine Zone der Verwüstung mitten in Manhattan korrespondieren miteinander und legen nahe, dass es über militärische (Miss-)Erfolge hinweg um die Vollzugweise einer Weltinnenpolitik geht: um die politischen (rechtlichen, symbolischen) Grenzen von Einschließung und Ausschluss, an denen sich das Schicksal einer Weltgesellschaft formiert.

http:// www.demokratiezentrum.org /d7e7667cdf714e1c77ef3d7001fa3e57/de/startseite/veranstaltungen/archiv/dialog.diskussion._demokratie/medien_und_krieg/abstracts/panel_3.html

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