zur normalen Ansicht

Veranstaltungen > Archiv > Dialog.Diskussion. Demokratie > Benes-Dekrete > Referate > Vertreibung und Rueckkehr Persoenliche Reflexionen

Vertreibung und Rückkehr. Persönliche Reflexionen

Barbara Coudenhove Kalergi, Wien

Wer einen Deutschböhmen und einen Tschechen um eine Darstellung der Ereignisse in Böhmen im zwanzigsten Jahrhundert fragt, wird zwei völlig verschiedene Geschichten hören. Menschen, die im gleichen Land lebten und die gleichen historischen Begebenheiten selbst erlebt oder in Familie und Schule überliefert bekommen haben, sehen diese Begebenheiten nicht nur unter verschiedenen Aspekten, mit verschiedenen Schwerpunkten und verschiedenen Höhepunkten, sondern sie kennen viele Ereignisse gar nicht, die für die jeweils andere Seite von entscheidender Bedeutung waren und sind. Zwei Völker - zwei Narrative. Diese Narrative sind im Falle der tschechischen Länder mindestens so unterschiedlich wie im Fall der Israelis und der Palästinenser.

Ich bin keine Historikerin, aber ich hatte Gelegenheit, als Zeitzeugin beide Geschichten zu erleben und zu hören. Ich bin in einer deutschsprachigen Familie in Prag geboren, in der Protektoratszeit dort aufgewachsen und in die deutsche Schule gegangen, in den Pogromtagen des Mai l945, der sogenannten "wilden Vertreibung", mit meiner Familie aus Prag vertrieben worden, in der Zeit des Kommunismus als Journalistin oft zurückgekommen und habe nach der Wende schließlich mehrere Jahre lang als Fernsehkorrespondentin wieder in Prag gelebt. Über diese Erfahrungen, aus der Sicht des Alltags gewöhnlicher Menschen, möchte ich berichten.

Es sollte erwähnt werden, dass zu den zwei Narrativen, dem sudetendeutschen und dem tschechischen, in gewisser Weise noch ein drittes Narrativ hinzukommt, nämlich die Erfahrung der Deutschen aus dem gemischtsprachigen Gebiet, namentlich aus Prag, aber auch aus Brünn und den Sprachinseln im Süden und Südosten. Die Prager Deutschen haben sich nie als Sudetendeutsche betrachtet wie die Bewohner der rein deutschen Gebiete in Westböhmen. Das Leben in der Hauptstadt war vor dem Krieg wesentlich mitgeprägt vom deutschsprechenden jüdischen Bürgertum und dem deutschsprechenden Adel, zwei Gruppen, die ein anderes Verhältnis zur tschechischen Mehrheitsbevölkerung hatten als die um territoriale Autonomie und später um den Anschluss an Deutschland kämpfenden Sudetendeutschen aus den rein deutschen Gebieten Westböhmens.

Die deutsche Perspektive, wie ich sie unter anderem in der deutschen Schule vermittelt bekam, lautete: Böhmen wurde ursprünglich von germanischen Stämmen besiedelt, Deutsche waren im Lauf der Jahrhunderte die Herren, die Motoren der wirtschaftlichen Entwicklung und die Kulturträger in den böhmischen Ländern. In der späteren Erinnerung der Vertriebenen erschien die Erste Republik als eine Zeit der Diskriminierung der deutschen Minderheit, die Protektoratszeit als eine Epoche, in der es den Tschechen - ohne Wehrpflicht und ohne Bombardements - gut ging und die Vertreibung als völlig unerwartet über die Opfer hereingebrochene Katastrophe.

Die tschechische Perspektive: die Jahrhunderte seit der Gegenreformation waren ein steter Kampf um die Souveränität im eigenen Land, die erste Republik die Vollendung der tschechischen Demokratie mit den Deutschen als ewigem Fremdkörper und Störfaktor, die deutsche Okkupation eine Zeit grausamer Unterdrückung und Demütigung und die Aussiedlung eine zwar von Unmenschlichkeiten begleitete, aber doch notwendige und voraussehbare, Maßnahme zur Befriedung und Stabilisierung der wiedererstandenen Tschechoslowakei. Ich habe mit tschechischen Freunden und Bekannten meiner Generation oft unsere jeweiligen Lebensgeschichten miteinander verglichen und wir haben jedes mal die Erfahrung gemacht: wir sind in der gleichen Stadt aufgewachsen, aber wir hätten genauso gut auf verschiedenen Kontinenten leben können.

Inzwischen sind sowohl in Tschechien als auch in Österreich historische Arbeiten über die Vertreibung und ihre Vorgeschichte erschienen, aber für die meisten Durchschnittsbürger dürfte sich an der Unkenntnis über die Erfahrungen und besonders die Leiden der jeweils anderen Seite wenig geändert haben. Als ich kurz vor der Wende an einem Fernsehfilm über die Sudetendeutschen arbeitete und zahllose Gespräche mit Vertriebenen führte, wusste kein einziger Bescheid über die Pläne der Nazis mit den Tschechen nach dem "Endsieg": Germanisierung oder Deportation in den Osten. Und als ich in den Neunzigerjahren in Landskron, dem Schauplatz eines der schlimmsten Deutschenmassaker im Jahre l945, eine Fernsehreportage drehte, wussten die Bewohner nur, dass es früher hier Deutsche gegeben hatte, die aber "übersiedelt" seien.

Ohne Kenntnis der Wahrheit keine nachhaltige Versöhnung. Bis es, wie man das anderswo versucht hat, ein gemeinsames Geschichtsbuch über die gemeinsame Vergangenheit geben wird, wird es wohl noch lange dauern. Aber es wäre schon viel getan, wenn man die jeweils andere Sicht auf diese Vergangenheit, das andere Narrativ, wenigstens kennen würde.

http:// www.demokratiezentrum.org /d7e7667cdf714e1c77ef3d7001fa3e57/de/startseite/veranstaltungen/archiv/dialog.diskussion._demokratie/benes-dekrete/referate/vertreibung_und_rueckkehr_persoenliche_reflexionen.html

Demokratiezentrum Wien
Hegelgasse 6 / 5, A - 1010 Wien
Tel.: +43 / 1 / 512 37 37, Fax.: +43 / 1 / 512 37 37-20
office@demokratiezentrum.org