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"Regionales Gedächtnis": Vertreibung an Österreichs Grenzen

Peter Mähner, Wien

Mein Referat wird sich auf den Grenzraum des nördlichen Niederösterreichs, Südböhmens und Südmährens beschränken. Weiters möchte ich keine umfassende Darstellung der Vertreibung in dieser Region geben, die wichtigsten Daten und Fakten sind ja mittlerweile, besonders auch nach der Öffnung der ostmitteleuropäischen Archive nach 1989, hinlänglich erforscht und bekannt.

Der zu behandelnde Grenzraum war Jahrhunderte lang eine Zone dichter wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Kommunikation. Erst ab den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts setzte sich der Nationalismus als einziges Deutungsmuster durch und zerstörte diese "Lebenseinheit" Grenze. Der nationalsozialistische Terror, die Vertreibung, schließlich der Eiserne Vorhang führten zu einer Phase der jahrzehntelangen Entfremdung. Am Beispiel einiger südmährischer Dörfer will ich im ersten Teil meines Vortrags diese Entwicklung bis 1948 nachzeichnen: Die Rolle von Sprache, Ethnikum und Nation, Anpassungskrisen, Nationalsozialismus, Verlaufsformen der Vertreibung, die schwierige Situation der Vertriebenen in Österreich und die Haltung der offiziellen österreichischen Stellen. In vielen der ehemals überwiegend deutschsprachigen grenznahen südmährischen Dörfern fand in den späten 40er und frühen 50er Jahren ein neuerlicher Bevölkerungsaustausch statt. Die Grenzregion Südböhmens und Südmährens wurde vielfach zur Sperrzone, "unzuverlässige Elemente", oft waren das solche, die gegen die Kollektivierung der Landwirtschaft auftraten, wurden ins Landesinnere abgesiedelt. Außerdem machten die strikten Kontrollen, Einschränkungen und Verbote das Leben an der Grenze schlichtweg unattraktiv. Viele dieser Dörfer erreichten nicht einmal die Hälfte ihrer Einwohnerzahl vor 1945.

Im zweiten Teil des Referates möchte ich auf die Entwicklung der Grenznachbarschaft nach 1989 eingehen. Das regionale Gedächtnis ist gespalten, es beinhaltet beiderseits der Grenze sowohl das Wissen um die lange und enge soziale wie kulturelle Verbundenheit, als auch die Erfahrung der leidvollen Jahrzehnte von Konfrontation und Entfremdung. Die ersten Jahre nach 1989 überwog die Euphorie, die Neugier, das Anknüpfen an Gemeinsamkeiten. Eine Unzahl grenzüberschreitender Kulturprojekte, Schul- und Gemeindepartnerschaften entstand, gemeinsame Musik- und Sportveranstaltungen, Kirtage und Weinfeste wurden abgehalten. Das Thema Vertreibung war lediglich in den österreichischen Gemeinden von Bedeutung geblieben, in denen sich aufgrund verwandtschaftlicher Beziehungen eine größere Anzahl von Vertriebenen ansiedeln konnte. Debatten über die "Vergangenheit" fanden fast ausschließlich in häufig auch grenzüberschreitenden akademischen Kreisen statt.

Die anfängliche Euphorie ist mittlerweile verschwunden, viele der grenzüberschreitenden Aktivitäten schliefen ein, die Kontakte wurden seltener. Österreich richtete sein Hauptaugenmerk auf die EU, die Tschechische Republik auf die innerstaatliche Transformation. Grenzüberschreitende Initiativen wurden von der österreichischen Politik stiefmütterlich behandelt, die Unterstützungen und Förderungen verringerten sich kontinuierlich.

Die sudetendeutschen Organisationen waren im niederösterreichischen Grenzgebiet kaum von Relevanz. Für die "einfachen" Mitglieder boten die regelmäßigen Treffen, Ausflüge und Wallfahrten vor allem Gelegenheit alte Bekannte wiederzutreffen, manchmal auch, das verlassene Dorf virtuell wiederaufleben zu lassen. Ein Großteil der landsmannschaftlichen Funktionärsschicht vertrat aber weiterhin dumpf-nationale oder revisionistische Standpunkte. Ihr martialisches Auftreten bestimmt leider immer noch wesentlich die Einschätzung der Vertriebenen durch die tschechische Öffentlichkeit. Kontakte auf informeller Ebene, die Gelegenheit zu gegenseitigem Verstehen oder zumindest Verständnis bieten, blieben leider selten. Als Beispiel möchte ich einen gelungenen Versuch der Bürgervereinigung Česká Kanada, im Städtedreieck Dačice, Slavonice und Nová Bystřice erwähnen. Unter dem Motto "Die Landschaft soll ihre Seele wiederbekommen" knüpften jetzige Bewohner der Gegend Kontakte zu ehemaligen Bewohnern und luden sie schließlich zu einem Wochenende in ihre alte Heimat, die Gemeinde Altstadt/Staré Mĕsto ein. Die Berührungsängste waren anfangs deutlich spürbar, am Ende war aber Zusammensein und Gespräch ohne Vorurteile, Vorbehalte und Verbitterung möglich. Gemeinsam wurden die nach 1945 geschleiften ehemaligen Heimatdörfer der Gäste besucht, eine zweisprachige Messe gefeiert und Erfahrungen ausgetauscht, über das Leben in dem "gemeinsamen Dorf" vor 1945, danach und heute.

Zum Abschluss werde ich noch kurz auf die aktuelle Situation der Grenznachbarschaft eingehen, die von den beiden von der Politik instrumentalisierten Themen "Temelín" und "Benešdekrete" geprägt ist.

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