"Sudetenfrage" und "Beneš-Dekrete" Möglichkeiten der Konfliktregelung
Jiří Pešek, PragDie neunziger Jahre waren von dem allgemeinen mitteleuropäischen Versuch der hohen Politik geprägt, die Last der Geschichte aus der aktuellen Politik auszuklammern und die ungelösten Probleme den Historikern zu überlassen. So steht es in der deutsch-tschechischen Erklärung von 1997, im gleichen Sinne hat sich der tschechische Ministerpräsident Zeman ein Jahr später in Wien gegenüber Bundeskanzler Klima geäußert. Schon gegen Ende der neunziger Jahre wurde diese merkwürdige Vorstellung nicht immer von allen Seiten positiv aufgenommen, und erst das Jahr 2002 markiert eine (teilweise hysterische) deutsch-tschechische, deutsch-deutsche, tschechisch-tschechische und tschechisch-österreichische bzw. tschechisch-ungarische Rückkehr zu den politisierten Geschichts-Diskussionen. Das geschah im Zusammenhang mit der politisch – durch den tschechischen Ministerpräsidenten Zeman – grob provokativ neu eröffneten Problematik der Wertung der Vertreibung und des Transfers der deutschen (und magyarischen) Minderheit aus der Nachkriegstschechoslowakei, mit der Frage nach der Gültigkeit der legislatorischen Regelung dieser Zwangsmigration und ihrer bis in unser Jahrhundert reichenden Konsequenzen.
Das ursprünglich als Zufallskatastrophe verstandene Gespräch Zemans mit dem österreichischen Magazin Profil war Zündstoff für zahlreiche, in Ton und Inhalt nicht weniger brisante und kaum mehr historiographisch kompetente Äußerungen in allen Nachbarstaaten, vor allem aber in Tschechien für Zemans politische Konkurrenten. Das (besonders in der Wahlkampfzeit blühende) Gespenst des Nationalismus ist vom Westen Europas in sein Zentrum zurückgekehrt, es lähmt die bisher mehr oder weniger aber doch relativ zuversichtlich funktionierende zwischenstaatliche Zusammenarbeit und – in den Worten Jacques Rupniks – "droht ... einen Teppich nationalistischer Populismen, der sich von Bayern bis in die Donauebene erstreckt", zu legen.
Ist diese katastrophale Entwicklung "nur" eine allgemein populistische Folie des "langen" Wahljahres oder charakterisiert sie eine tiefere Umorientierung einer mit quasihistorischen Argumenten gefütterten Wendung der mitteleuropäischen Politik? Die bevorstehenden Schlussverhandlungen über den Beitritt Tschechiens bzw. aller mittel- und osteuropäischer Kandidaten zur EU stellen diese Frage in sehr wichtige Kontexte, die über die Grenze der aktuellen Wahlkämpfe hinausreichen. Man manipuliert mit den alten und scheinbar schon lange begrabenen Mythen, mit den retrospektiven Hass- und Rachegefühlen und vor allem mit verschiedenen, sehr schöpferisch instrumentalisierten alten, aktuellen und potenziellen Ängsten. Das ist vielleicht zu viel nur für Parlamentswahlen, welche in den betroffenen Ländern sowieso keine Schicksalswende herbeibringen können. Man versucht eher die einmalige (mal letzte, mal erste und einzige) Situation des EU-Beitritts für verschiedene Gruppen- und Parteiinteressen auszunützen. Die Vertriebenenvereine verhalten sich in dieser Bemühung gleich den
regierungswilligen Parteien der zentraleuropäischen Staaten.
Das, was die hochemotionalisierte Debatte kennzeichnet, ist ein weitreichender Verzicht auf jede tiefere Untersuchung der Geschichtsmaterie, ihre historiographische Aufarbeitung im Kontext der Ereignisse und Prozesse der 40er Jahre wie auch der damaligen und jetzigen Menschenrechtsbetrachtung sowie der juristischen Lage damals und heute. Es sind dabei mehrere wichtige Quellenstudien zu dieser Problematik gerade in den letzten Jahren in Deutschland, Polen, aber auch Tschechien und Österreich erschienen. Diese werden aber weder von Politikern noch von Journalisten zur Kenntnis genommen. Die breitere Öffentlichkeit bleibt unter diesen Umständen tief verunsichert: Sie glaubt zwar – zumindest in Tschechien – weder den einen noch den anderen, weiß aber nicht, was diese Stürme eigentlich heißen und was sie bringen könnten. Das Vertrauen in die Partner des eigenen Staates – in die Nachbarn, also auch in die EU – sinkt in dieser Situation gefährlich tief. Ist gerade das vielleicht das eigentliche Ziel dieser merkwürdigen Kampagne....? Die EU-Erweiterung könnte etwas verzögert werden und vielleicht später etwas anders (wie auch immer) zugunsten einiger Gruppierungen ausgehandelt werden.
Welche sind aber allgemeinere mentale Umrisse dieser Situation? Die Geschichtsbilder, besonders die auf dem Felde der Zeitgeschichte, konnten sich in den postkommunistischen Ländern (also auch in Tschechien) in den zwölf Jahren seit der Wende bisher kaum voll entwickeln und stabilisieren. Die Gesellschaft lebt nicht nur mit den zahlreichen weißen Geschichtsflecken, sondern eher mit einer weißen Landkarte der Zeitgeschichte, auf der ab und zu die Reste der alten Umrisse und die Anhaltspunkte der neuen Linien zu sehen sind, kaum aber klar lesbare geschichtliche Landschaftsbilder. Man hört wiederholt, dass die klaren Geschichtsbilder seit der linguistischen Wende nicht vorkommen, man sieht aber auch wiederholte Versuche, diese Bilder trotzdem ganz willkürlich zugunsten der einen oder anderen Interpretation zu nutzen. Man hört, dass Geschichte kein Orientierungsfach für die Gesellschaft sei. Auf welche Weise sollte sich aber eine (Bürger)Gesellschaft orientieren? Man begegnet aber gleichzeitig – und zwar auch unter der humanistisch gebildeten, also potenziell sehr kritischen Intelligenz – echtem "hungrigem" Interesse an etwas "zuversichtlichen" und interpretatorisch "kompakten" "Geschichtserzählungen" und -erklärungen.
Diese Bereitschaft eines relativ großen Teiles der Gesellschaft, die Historiker zu hören, unterscheidet sich deutlich von einer fast hysterischen Ablehnung aller "akademischen Experten", die eine "freie" Interpretation der Geschichte (aber dadurch auch der Gegenwart und noch deutlicher der Zukunft) kritisieren und mit dem Instrumentarium der erprobten Methoden und Argumente attackieren. Dasselbe gilt für die aktuell "freien Rechtsinterpretationen" und selbstverständlich für alle ethischen Wertungen, die in diesen zwischen Zeitgeschichte und Zukunft gespannten Diskussionen oft eine zweckmäßige Durchbruchsrolle spielen.
Das, was an allen Seiten und mit allen möglichen Motivationen gefragt wird, sind wieder jene verdammt klaren und übersichtlichen Bilder. Die moderne Geschichtsschreibung ist aber eine Wissenschaft, die die Aufgabe hat, eher unangenehme Fragen zu stellen, unerwartet neue Blickwinkel zu suchen und auf neu entdeckten Ebenen neue Probleme zu eröffnen. Sie sollte also prinzipiell eine beunruhigende, schwierige, immer kompliziertere und - leider auch - immer weniger einfache und allgemein verständliche Wissenschaft sein. Und ähnlich sollte vielleicht auch ihre Rolle in der heutigen Kultur sein. Jetzt ist aber – wie in allen Zeiten des Gefühls der Bedrohung – nach übersichtlichen und einfach benutzbaren Bildern und Erklärungen gefragt. Die unangenehme Schlüsselfrage von heute heißt also, ob sie auch im Stande ist, "den Spagat zu machen" und diese zwei Aufgaben zu verbinden: Althergebrachtes zu stören, die Probleme neu und anders zu zeigen und gleichzeitig ihr Metier durch verständliche Konzepte nicht den Regierungen, sondern den Bürgern jeden Tag neu zu vermitteln. Es ist eine fast unmögliche Aufgabe. Wir Historiker haben aber schon in den Proseminaren gelernt, dass die Historiographie bis heute ein Wesen zwischen der strengen kritischen Wissenschaft und der literarischen Vermittlung ist, ein Tänzer auf dem gespannten Seil also, der sich nur durch die hohe akrobatische Technik retten kann, der aber gleichzeitig nur durch riskante und aufmerksame Schritte Publikum sammelt. Es ist vielleicht unsere geschichtliche Kulturrolle. Es ist u.a. auch sehr schwierig, bei den Problemen vom über das Publikum gespannten Seil zu flüchten.

