Konfliktverregelung und EU-Erweiterung: Langzeitfolgen der Beneš-Dekrete
Alena Mišková, PragDie Tageszeitung Mlada Fronta Dnes veranstaltete in der letzten Zeit eine Umfrage, in der zwei Fragen gestellt wurden: 1. Warum ist es gut, ein Tscheche zu sein, 2. Was ist das wichtigste nationale Interesse. Diese Fragen, wobei die erste nicht besonders phantasievoll ist, wurden an Persönlichkeiten des öffentlichen Leben gerichtet. Schon die bloße Existenz dieser Umfrage zeigt, dass "etwas faul" in unserem Staate ist. Man fragt nicht "was gehört zu den Hauptinteressen unseres Staates, seiner Bevölkerung bzw. seinen Bürgern, sondern spricht über nationale Interessen. Wen versteht man in diesem Zusammenhang unter dem Begriff "Nation" – auch unsere Roma, unsere slowakischen Mitbürger, also auch die Mitbürger anderer Nationalität oder ausschließlich Tschechen?
Patriotismus hat man in der Tschechoslowakei schon vor Jahren als "alten Plunder" verworfen, wozu ohne Zweifel die kommunistische Herrschaft wesentlich beigetragen hat. Dieses ursprünglich fast romantische und positive Phänomen kehrte in diesem Jahr im Rahmen des Wahlkampfs in unerwartet negativer Gestaltung zurück als wiedergeborener tschechischer Nationalismus. Unser bekanntester Rechtsextremist, Populist und Nationalist in einer Person, Miroslav Sladek, beschwerte sich, dass ihm sowohl die linken als auch die bürgerlichen Parteien wichtige Punkte seines Parteiprogramms gestohlen hätten. Diese Äußerung konnte man teilweise, d.h. was nationalistische Züge berührt, bestätigen.
Einen Grund zum Aufhetzen der Stimmung in Richtung Nationalismus verschaffte nicht die Eröffnung einer Debatte, sondern gegeneinander orientierte, manchmal beleidigende oder kränkende Äußerungen einiger tschechischen, österreichischen und deutschen Politiker, die die "Geschichte als Waffe" benützten. Dabei wurden Keller geöffnet, in denen einige Leichen versteckt waren, um die sich ernsthaft bisher nur die Historiker gekümmert hatten, nämlich die deutsch- bzw. österreichisch-tschechische Beziehungen in den Jahren 1938-1948. Wie der Düsseldorfer Historiker Detlef Brandes dazu in einem Interview sagte: "Dieses verfluchte Jahrzehnt lässt vergessen, alles was vorher gewesen ist, dass es einen so scharfen Konflikt bis 1938 nicht gegeben hat".
Die sog. Beneš-Dekrete sind in diesem Jahr in der Tschechischen Republik zum Wahlthema geworden; jede Debatte über diese historisch bedingten und begrenzten Dokumente wurden als Angriff auf die Nachkriegsordnung bezeichnet. In diesem Punkt waren sich alle Parteien (inklusive der Kommunisten, die seit 1945 diese Linie kontinuierlich halten) einig. Dadurch erweckte man nicht eine sachliche Debatte, sondern alle alten Vorurteile und Ängste, die den Versöhnungsprozess der letzten 10 Jahre in Frage stellen.
Henning Tewes, Reporter des Rheinischen Merkur in Warschau, leitete seinen Artikel (Die Charmeoffensive, Nr.24/2002) mit folgendem Satz ein: "Man mag sich im gegenwärtig vergifteten Klima im deutsch-tschechischen Verhältnis kaum vorstellen: Zwei führende tschechische Publizisten schrieben einen offenen Brief an Milos Zeman und Gerhard Schröder mit dem Vorschlag, das geplante "Zentrum gegen Vertreibungen" nicht in Berlin, sondern in Eger zu errichten". Einen solchen Vorschlag haben aber Adam Michnik und Adam Krzeminski in der Gazeta Wyborcza gemacht. Wie auch Tewes bemerkt, ist es nicht nur Mitgefühl mit dem Leid, das Deutsche erfahren haben. Vielmehr warnen Michnik und Krzeminski vor einem Museum "nur deutschen Leidens und deutscher Klage, dass Täter zu Opfer machte". Mit anderen Worten: Die polnische Öffentlichkeit möchte mitsprechen und deshalb sei "ein Zentrum in Breslau besser als ein Zentrum in Berlin".
Mit dem Problem der Vertreibung der Deutschen beschäftigt man sich derzeit auch in Slowenien. Der Slowakische Nationalrat hat schon 1991 eine Erklärung über die Vertreibung der Deutschen verabschiedet, in der er das Prinzip der Kollektivschuld – mit welchen Argumenten sie auch begründet werde – verurteilt hat. Mag die Deutsch-tschechische Deklaration aus dem Jahre 1997 auch betonen, dass die tschechisch-deutsche Zusammenarbeit nicht durch die Vergangenheit belastet werden solle, löst sie doch nicht das tschechische Problem der Vergangenheitsbewältigung in Bezug auf die Vertreibung - mit Worten von Erazim Kohak: eine "Frage unseres Bewusstseins und Gewissens".
Diese Frage hat mehrere Ebenen:
- als historisches Ereignis wird sie intensiv untersucht;
- als ethisches Problem hat sie wiederum zwei Ebenen. Die des Jahres 1945 und die heutige, die sich wesentlich unterscheiden. Wie es Kohak aus eigener Erfahrung schildert: "Ende des Kriegs ... schien uns die Aussiedlung eines Viertels der historischen Bevölkerung unserer Länder als historisch notwendig und historisch gerechtfertigt ... unausweichlich". Später, als Exilant, ist er zu der Ansicht gelangt, dass eine historische Situation eine Aktion erklären aber nicht rechtfertigen kann. Er bezeichnet "jegliche Vorstellung über Sinn und Regeln menschlichen Lebens, die zu einer Situation führen kann, in der Unrecht (wenngleich auch leider) notwendig wird, als ungenügend." Diese zwei Zeitebenen muss man unterscheiden! Unabhängig davon sollten auch die Fälle der Vertreibung der deutsch-jüdischen Bürger und deutscher Sozialdemokraten betrachtet und geklärt werden.
- als aktuelle politische Frage sollte die Vertreibung auf keiner Seite unter dem Gesichtspunkt der nationalen Gefühle und Interessen dargestellt werden. Hier stellt die Geschichte den Politikern eine gefährliche Falle. Die Lösung dieser Frage ist aber eine Sache der Politik und nicht der Historiker, die sich nicht als Diener der Politik missbrauchen lassen sollten.
Kehren wir noch einmal zu der erwähnten Umfrage zurück: Der Prager Publizist Pavel Tigrid hat in seiner Antwort auf die zweite Frage, also nach den sog. "nationalen Interessen", gesagt: "In unserer heutigen Lage: ein Bekenntnis, und zwar aus eigenem freien Willen und in möglichst breiter, allgemein geteilter Zustimmung, zu dem gewichtigen moralischen Versagen in unserer nationalen Geschichte. ... So handelt eine Nation ohne Duckmäusertum und Komplexe, die nicht unter schlechtem Gewissen leidet. Mit einem Wort: eine stolze Nation." Als ein Beispiel des Versagens nannte er gerade die Konzipierung und Applikation einiger der sogenannten Beneš-Dekrete. Dieses Bekenntnis, sagte er, könne nicht warten und liege"in unserem ureigenem, wenn sie so wollen, nationalem Interesse".

