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„Gespaltene Erinnerung": Deutsche und Tschechen 1938 bis 1945

Václav Kurál, Prag

Die Teilnehmer dieser Sitzung muss man sicher nicht darauf aufmerksam machen, dass die Thematik der deutsch-tschechischen Beziehungen sich in letzter Zeit scharf politisiert hat. In meinem Beitrag werde ich mich bemühen, diese Politisierung zu überwinden. Die Sudetendeutsche Landsmannschaft befasst sich mit der Problematik des Transfers / der Vertreibung, der Aussiedlung, so, als ob alles erst im Mai 1945 begonnen hätte. Einer derartigen Auffassung kann die große Mehrheit der tschechischen Historiker nicht zustimmen. Unserer Meinung nach soll man auch dieses Thema in historischen Zusammenhängen studieren. Speziell muss man die unmittelbaren Ursachen der Vertreibung und Aussiedlung – d.h. „München“ und die Folgen der deutschen Okkupation und auch die Folgen des schrecklichen Weltkrieges – in Betracht ziehen. Die Eingliederung meines Themas beweist, dass die Veranstalter unserer Tagung damit rechnen.

Mein Referat wird sich in zwei Teile gliedern:
I. „München“ 1938 und die Okkupation der böhmischen Länder als die Grundursache des Transfers.
II. Die tschechische Reflexion dieser Ursachen und die Konzeption der Sudetendeutschen Aussiedlung.

Ad I.
„München“ 1938 erschütterte sowohl die tschechische Gesellschaft, als auch deren politische Repräsentation in ihren Grundfesten. Einerseits erwuchs daraus eine scharfe antideutsche Stimmung, andererseits aber auch ein Defätismus, der den deutschen Machthabern eine Möglichkeit bot, einen Modus vivendi mit den Tschechen zu suchen. Am Ende einer solcher Politik hätte es zu keinem Transfer kommen müssen. Das war vielleicht auch zu Beginn der Okkupation eine Option. Die Nazis setzten aber die Priorität ihrer Orientierung auf die totale Einverleibung der böhmischen Länder ins Großdeutsche Reich und auf die Liquidierung des tschechischen Volkes nach dem siegreichen Ende des deutschen Krieges. Diese Konzeption wurde schon von dem Stab der Sudetendeutschen Partei, dann von K. H. Frank und letztendlich von Heydrich und Hitler formuliert. Sie beinhaltete sowohl die sogenannte „Endlösung“ der tschechischen Frage, als auch die praktische, „alltägliche“ Taktik, die Tschechen als „fleißige Arbeiter“ für das „Reich“ auszunützen, sie aber mit Gewalt immer dort zu treffen, wo sie den Kopf erheben und Widerstand leisten wollen. Diese doppelseitige Politik setzte dann K.H. Frank fort „ bis zum bitteren Ende“, ohne einen Versuch zur Versöhnung.

Ad II.
Die tschechische Antwort auf „München“ 1938 und auf die NS-Besatzungspolitik entwickelte sich auch auf zweifache Art und Weise. Wie schon gesagt, hätte eine gemäßigte deutsche Politik die Position der tschechischen Kollaboration in der Gesellschaft festigen, oder den tschechischen Widerstand auf eine passive Resistenz begrenzen können. Die Ereignisse entwickelten sich aber ganz anders: blutiger Terror von Gestapo, Ausrottung der tschechoslowakischen Juden, usw. – sowie die harte Indoktrination der Tschechen durch den sogenannten Reichsgedanken – das alles befestigte die Positionen des Widertandes, sowie der Exilregierung. Beide Faktoren übernahmen die Formulierung des tschechischen sozialen, sowie nationalen Programms. Dazu gehörte vor allem die Vorstellung eines rein nationalen Staates durch die Aussiedlung der Sudentendeutschen. Die nationale Euphorie, die damit verbunden war, gehörte auch zu den wichtigen Ursachen dieser Idee, sowie die Rücksicht der Alliierten auf die Beseitigung potentieller Ursachen eines möglichen Krieges in der Zukunft. Ohne Einbeziehung aller dieser Zusammenhänge kann man also die tragische Trennung der tschechisch-sudetendeutschen Konfliktgemeinschaft nicht begreifen.

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