Wiener Melange

Tschechische Ziegelarbeiter um 1900
Quelle: Fotoarchiv Wienerberger Baustoffindustrie AG
(Ein Chronist zur Rolle der tschechischen Dienstboten, zitiert nach: Wir. Zur Geschichte und Gegenwart der Zuwanderung nach Wien. Katalog zur Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, Wien 1996)
Ein Blick ins Telefonbuch bezeugt es ebenso wie ein Spaziergang durch die Stadt: ZuwandererInnen haben seit jeher zum kulturellen Reichtum Wiens wesentlich beigetragen. Vom böhmischen Dienstmädel zur polnischen Putzfrau, vom ersten Wiener Kaffeehaus zur Kebabstube – die lange Geschichte multiethnischer Zuwanderung hat ihre Spuren hinterlassen und in ihren vielen Facetten die typisch wienerische Melange hervorgebracht. Ob in der Architektur, in der Sprache, in den Familiennamen oder in der Küche – ohne seine "Zuagrasten" wäre Wien wohl ein verschlafenes Provinzstädtchen an der Donau geblieben. Schließlich war es der Zuzug um die Jahrhundertwende, der Wien immerhin zur viertgrößten Metropole Europas anwachsen ließ. Die Einwohnerzahl überschritt damals sogar die Zweimillionen-Grenze.
Heute, hundert Jahre später, leidet die österreichische Hauptstadt allerdings an Überalterung und die Zuwanderung wird mit restriktiven Einwanderungsgesetzen beschränkt. Auch die Offenheit gegenüber den BesucherInnen und ArbeitsmigrantInnen aus Tschechien, der Slowakei, Polen oder aus Ungarn, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs auf den Spuren ihrer VorfahrInnen wandeln wollen, hält sich in Grenzen. "Etliche Zeitgenossen empfinden die veränderte geopolitische Lage weder als Chance noch als Herausforderung, sondern als Zumutung", meint der Demograph Rainer Münz. "Sie wollen an keiner neuen Drehscheibe zwischen Ost und West, sondern lieber an einer Zugbrücke leben, mit der sich die Stadt bei Bedarf dicht machen lässt." (Journal Panorama, Ö1, 23.9.1996)
Auf der anderen Seite jedoch ist das Image vom kulturellen Schmelztiegel Wien als Vermarktungsstrategie sehr wohl präsent. Das multikulturelle Selbstbild Wiens beruht auf "einer – nostalgisch verklärten – historischen Retrospektive, die jedoch unter Ausblendung realer politischer Konflikte auf eine als typisch österreichisch klassifizierte Kultur des Fin de Siècle zurückgreift". (Susanne Breuss / Karin Liebhart / Andreas Pribersky: Inszenierungen. Stichwörter zu Österreich, Wien 1995, S 201).
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts löste die industrielle Revolution Massenmigrationen in die Ballungszentren aus. Wien erfährt in dieser Zeit die stärkste Zuwanderung aller europäischen Großstädte. Um 1880 war mehr als die Hälfte der EinwohnerInnen nicht in Wien geboren, der Großteil der EinwandererInnen kam aus den Kronländern der Monarchie, aus Böhmen, Mähren, Schlesien oder aus dem Königreich Ungarn. Auch die jüdische Bevölkerung erlebte einen enormen Zuwachs. Und so war Wien um die Jahrhundertwende die drittgrößte jüdische und die zweitgrößte tschechische Stadt Europas. Dem kosmopolitischen Selbstverständnis, das an vielen Orten der Stadt lebendig war, war mit dem Erstarken des deutschnationalen Gedankenguts keine Zukunft beschert, antisemitische und antislawische Ressentiments bestimmten die öffentliche Debatte.
Die Verbrechen der Nationalsozialisten bedeuteten den größten Aderlass in der Geschichte Wiens. Mit der Machtübernahme Hitlers 1938 setzte in Wien eine Massenflucht und Vertreibung der jüdischen Bevölkerung ein, mehr als 120.000 Personen mussten aus Österreich emigrieren. Rund 50.000 Wiener Juden wurden von den Nazis in die Konzentrationslager deportiert, nur rund 2.000 von ihnen überlebten. Ein ebenso tragisches Schicksal erlitten auch einige tausend Wiener Roma und Sinti. (Vgl. Michael John, in: Wir. Katalog zur Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien, Wien 1996, S. 142
Ab Mitte der 1960er Jahre wurden ArbeitsmigrantInnen aus Jugoslawien und der Türkei nach Wien geholt. Die eingesessenen WienerInnen bezeichneten die neuen ZuwandererInnen gerne als "Tschuschen", ein abwertender Ausdruck, der auch heute noch oft zu hören ist. Um die Toleranz im Zusammenleben zu fördern, startete die Wiener Stadtregierung Anfang der 1970er Jahre eine Plakat-Kampagne. Äußerst populär wurde dabei das Plakat mit dem Slogan: "I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric – warum sogn's zu dir Tschusch?" Auch abgesehen von der verbalen Diskriminierung hatten es die jugoslawischen und türkischen WienerInnen nicht gerade leicht, sich in der Stadt zu integrieren. Und bis heute geraten ZuwandererInnen nur allzu leicht in die Mühlen der Aufenthaltsbürokratie, auch jene Familien, die seit zig Jahren in Wien ansässig sind. ExpertInnen sehen in den restriktiven Aufenthaltsgesetzen "integrationshemmende Rahmenbedingungen".
Derzeit leben in der 1,6-Millionen-Stadt Wien knapp 300.000 Menschen ohne österreichischen Pass, die Mehrheit bilden die ImmigrantInnen aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus der Türkei. Diese so genannten "AusländerInnen" verfügen in der Weltstadt Wien noch immer über sehr begrenzte Bürger- und Partizipationsrechte. So wurde auch das im Dezember 2002 vom Wiener Landtag beschlossene kommunale Wahlrecht nach einem Einspruch von ÖVP und FPÖ im Juni 2004 vom Verfassungsgerichtshof mit der Begründung, dass die österreichische Staatsbürgerschaft eine unbedingt notwendige Voraussetzung für die Ausübung des Wahlrechts ist, wieder aufgehoben.
Da der ausländischen Wohnbevölkerung – mit Ausnahme einer beschränkten Anzahl von Notfallwohnungen – bislang auch der Zugang zum sozialen Wohnbau versperrt ist, weist Wien ein Bild starker räumlicher Segregation auf. Seit Jänner 2006 muss zwar die EU-Richtlinie zur Gleichbehandlung von AusländerInnenn, die sich länger als fünf Jahre im Land aufhalten, umgesetzt werden, seitens der Stadt Wien wird aber nur mit einem geringen Ansturm auf Gemeindebauten und geförderten Wohnungen in der Bundeshauptstadt gerechnet.
Heute lebt jedenfalls rund die Hälfte der ImmigrantInnen in nur sechs von dreiundzwanzig Wiener Gemeindebezirken. Einer dieser Stadtteile ist Wien-Ottakring, der mit lokalen Besonderheiten aufzuwarten hat, etwa einem "Arbeitsstrich" für so genannte SchwarzarbeiterInnen und den Brunnenmarkt mit seinem kulinarisch multikulturellen Ambiente. In diesem "Grätzl", dem Wohnviertel rund um den Markt, haben sich vor allem die türkischen EinwandererInnen eine funktionierende Infrastruktur geschaffen. Läden, Kebabstuben, Reise- und Übersetzungsbüros, abgewohnte Altbauten – das Wiener "Kreuzberg".

Blick auf Wien: Floridsdorf,
Islamisches Zentrum, Moschee,
© Robert Newald
Die Angehörigen der ersten ZuwandererInnen-Generation in Wien arbeiten in schlechter bezahlten Jobs, viele der älteren Frauen aus der Türkei sprechen kaum Deutsch, viele hoffen darauf, eines Tages in die alte Heimat zurückzukehren, die meisten wissen, dass das eine Illusion ist. Mittlerweile sind ihre Kinder groß geworden. Eine zweite und dritte Generation ist herangewachsen, die die Diskriminierung und Ausgrenzung nicht mehr einfach so hinnehmen kann und will. So wurden in den letzten Jahren eine Reihe von Projekten und Initiativen gestartet, etwa die multikulturelle Parkbetreuung, die in den vorwiegend von Jugendlichen frequentierten typischen Wiener "Beserlparks" aktiv ist. Als Plattform für Burschen und Mädchen der zweiten Generation versteht sich auch "Echo", die "erste und einzige Zeitschrift von und für die ausländischen Jugendlichen in Wien". Anliegen des 1993 ins Leben gerufenen und mittlerweile äußerst erfolgreichen und stadtbekannten Zeitungsprojektes ist es, ein neues politisches und kulturelles Selbstwertgefühl zu repräsentieren. Seit Streichung der Subventionen seitens der Stadt Wien 2004 setzt Echo seine Tätigkeiten in eingeschränkter Form als unabhängiger Verein fort.
Station: Wiener Melange (Last update: 02/2006)







